Wie unsere erste Geschäftsbeziehung platzt

Die Geschäftsleute Rakesh und Kumar arbeiten in der Modeindustrie von Tiruppur in Indien. Sie führen uns heute durch eine Reihe von Werkstätten. Wir sind sehr gespannt auf diesen Tag und die beiden haben uns erlaubt, in den Räumen Fotos für unsere Website zu machen.

Bis zum vorherigen Abend haben wir noch geglaubt, dass wir mit Rakesh und Kumar eine Zusammenarbeit starten werden. Ein anerkanntes Biosiegel für Mode sowie verschiedenste Zertifikate, alles war vorhanden und schien glaubwürdig zu sein. Zumindest, bis Rakesh am letzten Abend beim Geschäftsessen sagte, wir sollten bei der Werkstatttour am nächsten Tag bitte die Kinderarbeiter ignorieren und nicht aufnehmen. Als wir das hörten, konnten wir uns unsere geschockten Blicke nicht verkneifen. Und sofort erkannte auch Rakesh, dass Risto und mir gerade irgendwas überhaupt nicht gefiel.

Ab dem Zeitpunkt war es natürlich eine ganz Klare Sache für uns, dass die Zusammenarbeit geplatzt war. Aber trotzdem wollten Risto und ich die Führung am nächsten Tag nicht absagen. Eigentlich war das ja auch eine Chance für uns zu sehen, was in der konventionellen Modeindustrie alles abgeht.

So funktioniert die Modeindustrie in Tiruppur

Die Tour beginnt morgens. Rakesh und Kumar holen uns jeden Tag mit einem anderen Auto ab, heute ist es ein weißer Mitsubishi mit großem Heckspoiler. Unser Lieblingskameramann Paul ist natürlich dabei und wir quetschen uns zusammen auf die Rückbank. Die Klimaanlage pustet eiskalte Luft in den Wagen. Die Fenster macht hier niemand auf, denn in ganz Tiruppur riecht es nach Säure und Ammoniak. Überall in der Stadt produzieren große Marken T-Shirts, Pullover und sonstiges. Im Stadtgebiet gibt es angeblich an die 5000 Textilfabriken.

Zuerst werden wir zu einer Strickerei gefahren, in der Stoffe für T-Shirts hergestellt werden. In riesigen Maschinen werden etliche Fäden zu einer Stoffwurst verarbeitet. Das ganze ist sehr beeindruckend zu sehen. Paul macht Filmaufnahmen. Es ist schwierig zu beurteilen, wie es den Arbeitern hier geht. Ich kann es ihnen nicht ansehen. Und in der Gegenwart ihrer Chefs werden wir sie auch nicht danach fragen können. Vielleicht ergibt sich später noch eine Gelegenheit mit einem Arbeiter zu sprechen.

Wir kommen zu einer Druckerei, in der gerade Tanktops mit der Aufschrift “Happy” bedruckt werden. Erst führen uns Rakesh und Kumar durch den Haupteingang. Dann allerdings sollen wir auf halbem Wege wieder umdrehen. Wir betreten die Druckerei jetzt durch einen anderen Eingang. In dieser Werkstatt ist es sehr heiß und laut. Viele Arbeitsplätze sind heute leer. Rakesh und Kumar zeigen uns stolz einige Aufträge großer Marken aus dem Portfolio. Zwei meiner Lieblingsmarken sind auch dabei. Die Shirts wurden gerade von dem Jungen bedruckt, der hier auf der Druckmaschine hockt. Er ist wahrscheinlich wirklich gerade alt genug, um legal hier zu arbeiten. Als gerade niemand da ist, frage ich ihn auf Englisch nach seinem Namen und will wissen wie alt er ist. Er versteht kein einziges Wort. Dass er zur Schule gehen konnte bezweifle ich. An der Wand hängt ein Schild, auf dem Steht, welcher Lohn in dieser Woche gezahlt wird. Um die 4 Euro am Tag sind es umgerechnet für jeden Arbeiter. Auch in Indien kann man davon keine Wohnung bezahlen, seine Familie ernähren und sich noch nebenbei eine Krankenversicherung leisten.

Wir besichtigen noch etliche weitere Werkstätten, die alle irgendwie Teil der Lieferkette sind. Häufig sind Arbeitsplätze nicht besetzt. Wir sehen verschiedenste Färbereien, Nähereien, Druckereien und Stickereien. Langsam verstehen wir erst, wie intransparent und unüberschaubar die Lieferkette schon für ein einziges T-Shirt sein kann. Niemand, der einen Auftrag an eine Agentur in Tiruppur vergibt, hat einen Schimmer davon, wo in dieser riesigen Stadt seine Sachen genäht werden. Oder eine Garantie dafür, wo die Garne herkommen, der Jersey gestrickt wird und wo er gefärbt wird, wer das Logo stickt, wer den Stoff zuschneidet und ihn bedruckt. Hier werden große Aufträge oft auf zig verschiedene Produzenten gesplittet, die quer über Tiruppur verteilt sind. Das ist natürlich ein riesengroßes Problem für jeden der Wert darauf legt, dass jeder in der Lieferkette fair behandelt und fair bezahlt wird.

Rakesh muss weg und Kumar lädt uns noch auf eine Diet Coke im Showroom der Firma ein. Neben den großen, bekannten Marken hängen hier auch T-Shirts von zwei verschiedenen Fairfashion Labels. Wir verabschieden uns von Kumar und wissen: Für uns bedeutet Fairfashion etwas Anderes.

Ein Appel an alle Fairfashion Marken und Designer

An alle, die selbst eine Modemarke haben und im Ausland produzieren, folgender Aufruf: Fahrt einmal selbst zu Euren Produzenten vor Ort und lasst Euch dort alles zeigen! Prüft eure ganze Lieferkette und geht sicher, dass Ihr mit eurem Gewissen vereinbaren könnt, was Ihr da macht! Nach unserer Erfahrung, kann man die Bedingungen vor Ort anhand von Zertifikaten, Internetseiten und via Email allein nicht unbedingt richtig einschätzen.

Ein großes Lob daher an jeden, der seine Lieferkette gewissenhaft checkt und somit die Modeindustrie zum Besseren verändert! Wir wissen jetzt, wie schwer das ist…

Dankeschön für’s Lesen dieses Artikels!

Auf diesem Blog wird es in der nächsten Zeit weiterhin um den Aufbau unseres Unternehmens gehen. Es folgen Artikel über unsere Erfahrungen in der Modeindustrie in Indien und andere Storys!
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Lesetipp:

Die Gründer eines Startups für Business Fairfashion sind auch selbst nach Indien gefahren. Dieser Artikel könnte dich interessieren.

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